Selbst wenn ich mich ausgiebig über den Iran informiert habe, mit Leuten gesprochen habe die dort waren, einige weitere auf meiner Reise kennen gelernt habe – Der Iran ist und bleibt eine Unbekannte für uns Westeuropäer. Entgegen aller Vorurteile und wie von allen prophezeit die tatsächlich dort waren wurde ich herzlichst Empfangen und habe mich bisher nie unsicher gefühlt. Im Gegenteil, von der Offenheit, dem Interesse und der Gastfreundschaft die einem hier entgegengebracht wird sollten wir uns in Europa lieber mal ein wenig abschneiden. Mittlerweile bin ich nach eineinhalb Wochen in Esfahan im Zentraliran angekommen und es ist Zeit für ein erstes, diesmal etwas länger ausgefallenes, Fazit.

Erstes Abenteuer, so dachte ich, wird der Grenzübertritt. Habe ich alle Papiere? Wie wird der Papierkram ablaufen? Habe ich genug Geld dabei? (Im Iran funktionieren Kreditkarten nicht daher muss man Geld für die komplette Reise Bar mitbringen) Die meisten Ängste wurden aber beseitigt als ich von den Grenzbeamten mit einem breiten Grinsen und einem „Welcome to Iran my friend“ empfangen und erst mal auf einen Tee eingeladen wurde. Die Formalitäten waren schneller erledigt als gedacht und nach eineinhalb Stunden war ich im Iran. Einziger Fehltritt war meine an der Grenze zu teuer erstandene Versicherung wie ich später festgestellt habe. Da ist man den Schiebern dort leider relativ hilflos ausgeliefert wenn man es nicht besser weiß. Aber was soll’s, das sollte meine Stimmung nicht trüben.

Durchs West-iranische Hochland ging es gen Tabriz, der ersten großen Stadt hinter der Grenze, in der ich mich erst mal Einleben und mit Geld, SIM Karte und weiterem versorgen wollte. Die Fahrt durch die Berge selbst war schön, aber kalt. Ich war spät dran. Obwohl mir gesagt wurde der Iran sei hauptsächlich grün wurde die Landschaft sehr schnell karg und Wüsten-ähnlich. Grün ist relativ für Westeuropäer nehme ich an, schön war es trotzdem.

Tabriz selbst hat auch viel zu bieten, davon mitbekommen habe ich allerdings nur wenig da man im Iran als Tourist überall von einer Gastfreundschaft und einem Interesse überwältigt wird welches seinesgleichen sucht. So wurde ich auf meinem Trip durch die Stadt mehrfach zu Tee, Wasserpfeife und zahlreichen Gesprächen eingeladen was das Sightseeing etwas leiden lies und weshalb es auch nur sehr wenige Bilder gibt – schön war es trotzdem, eine der größten Sehenswürdigkeiten hier sind glaube ich tatsächlich die Menschen.

Auch der angekündigte verrückte Verkehr hielt sich in Grenzen. Ok – es wird schon gern mal auf einer zweispurigen Straße eine dritte oder vierte Spur dazu gedacht. Außerdem muss man jederzeit mit waghalsigen Überholmanövern rechnen auch wenn man selbst gerade der nur 200m entfernte Gegenverkehr ist. Als Motorrad muss man sich in einem Land in dem es nur Mopeds bis 150ccm gibt einfach unterordnen und auf alles gefasst sein. Trotzdem ist es nicht so viel schlimmer als in anderen südlichen bzw. östlichen Ländern dachte ich mir – bis ich in die erste Stadt kam. Hier wird kreuz und quer gedrängelt, gehupt, überholt, Schilder, Ampeln und Regeln ignoriert und es herrscht ein absolutes Chaos, dass aber trotzdem irgendwie auf besondere weise geordnet wirkt da jeder weiß wie er damit umgehen muss. Spaß gemacht hat es aber keinen. Aber die Straßen sind in der Regel mehr als gut, meine neuen Enduro Reifen habe ich bis heute nie ernsthaft gebraucht.

Weiter ging es ziemlich zügig über Qazvin nach Kashan im Zentraliran, eine Stadt am Rande der Wüste. Das Klima in den Bergen wurde mir doch empfindlich zu frisch. Zu meiner Überraschung liegt aber auch der Zentraliran und selbst die Wüsten dort auf 1500-2000m. Das Klima war aber trotzdem deutlich angenehmer.

Die Überlandreise ist neben den Landschaftlichen Eindrücken erneut von der Freundlichkeit der Iraner geprägt, Autos und LKWs hupen und winken. Sobald man eine Pause macht hält spätestens 5 Minuten später ein Auto und bietet einem Kleinigkeiten an und/oder bestaunt das Motorrad und möchte ein Bild. An Mautstellen der Autobahn wird man konsequent mit einem „Welcome to Iran“ durchgewunken. Selbst Polizisten halten einen nur an um das Motorrad zu bestaunen, selbst wenn man ein wenig zu schnell war. Nicht selten hatte ich das Gefühl, dass ich hier die größte Sehenswürdigkeit bin.

Kashan selbst hat eine wunderschöne verwinkelte Altstadt mit traditionellen Häusern und man fühlt sich wie in 1001 Nacht. Einige der alten Herrenhäuser sind restauriert und für Besucher geöffnet sodass man einen Einruck von der überragenden traditionellen persischen Baukunst bekommen kann. Untergekommen bin ich in Noglis House, einem Gasthaus welches kleine Zimmer rund um einen traditionellen Innenhof bietet – spartanisch aber wunderschön.

Highlight war aber auch hier wieder eine Begegnung und zwar mit Reza. Reza war Englischlehrer, kurzerhand hat er mich und zwei Freunde eingepackt und zu einigen Sehenswürdigkeiten gefahren. Anschließend war ich bei seiner Familie zum Essen eingeladen und schlussendlich bin ich mit in seine Englischklasse an einer Abendschule genommen. Wir hatten die Idee, den Teilnehmern (15-35 Jahre) den Nutzen von Englisch im Alltag näher zu bringen und so wurde ich in drei Klassen jeweils 1,5 Stunden von Fragen gelöchert und in Gespräche verwickelt. Das Interesse und die Freude über meinen Besuch war überwältigend. Das hat mich zwar wieder mein ausgiebiges Sightseeing gekostet aber die Erfahrung war es definitiv mehr als wert.

Weiter ging es gen Süden auf dem Weg nach Esfahan nach Toudeshk. In dem kleinen Dorf am Rande der Wüste öffnen Mohammad Jalali und seine Familie in seinem einzigartigen Tak-Taku Homestay ihr Haus für Gäste. Man erhält wieder spartanische aber sehr liebevoll eingerichtete traditionelle Zimmer und isst, trinkt und lebt mit der Familie in deren Räumen und erhält so Einblick in den iranischen Alltag auf dem Land. Aber auch die Dorfbewohner öffnen ihre Türen und so dauerte es keine 10 Minuten bis ich bei einem Spaziergang durchs Dorf bei einer Tasse Tee bei einer Familie auf dem Teppich saß. Der Aufenthalt hier war eine weitere einzigartige Erfahrung und Toudeshk war ein guter Ort um für ein paar Nächte eine Pause vom Reisen einzulegen und etwas zu entspannen.

Von dem anfänglich vorherrschenden Respekt und der Ungewissheit ist nicht mehr viel geblieben und ich genieße meine Reise. Die Menschen hier empfangen einen in einer nie gesehenen Art und Weise. Natürlich leben sie in einer anderen Kultur und deutlich verwurzelter mit ihrem Glauben als wir es tun aber oder vielleicht genau deswegen wurde hier mein Verstehen von Gastfreundschaft neu definiert. Eine andere Welt? Vielleicht ein wenig, aber in keinster Weise beängstigend wie man bei uns auf den ersten Blick leicht den Eindruck bekommen kann. Vor zwei Tagen bin ich gut in Esfahan bei meiner ersten Couchsurfing Erfahrung angekommen und genieße die aktuellen islamischen Feiertage hier in guter Gesellschaft aber dazu später mehr.

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2 comments

  • Cony 4. November 2014   Reply →

    Hallo Manuel,
    …hey, was Du alles erlebst…hätte ich nicht gedacht. Es macht richtig Laune, immer wieder zu schauen, ob Manuel Zeit und die Möglichkeit hatte, zu schreiben. Nachdem, was man alles hier über die Ereignisse im Nachbarland Irak hört, bin ich froh und glücklich, Dich lächelnd auf den Bildern zusehen. Die Bilder, ein Traum aus „1000 und 1 Nacht“. Ich beneide Dich um diese Möglichkeit, Land und Leute so – auf Deine ganz eigene Weise kennenzulernen. Bis bald…in diesem Programm.
    Ganz liebe Grüße von Cony

    • Manuel 4. Dezember 2014   Reply →

      Danke Danke! Immer wieder gerne 🙂
      Vermutlich wird das Programm aber nun erst mal pausiert wie du eventuell schon mitbekommen hast…Details dazu gibts bald!

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